Roadtrip Friaul – eine ganze Welt zu er-fahren!

Sappada
Das Städtchen liegt auf rund 1.250 Metern Höhe und wirkt fast wie eine Mischung aus Tirol, Kärnten und Italien. Alte Holzhäuser säumen die Straßen, die Berge rücken bis an die Ortsgrenzen heran, und überall spürt man jene Gelassenheit, die diese Region so besonders macht.

Wer hier ankommt, merkt schnell: Das eigentliche Italien beginnt für uns erst jetzt. Vor uns liegen rund 600 Kilometer voller Geschichten, kulinarischer Entdeckungen und landschaftlicher Höhepunkte. Von den mittelalterlichen Mauern Venzones über die Schinkenstadt San Daniele, die weltberühmten Mosaike von Spilimbergo, die Weinberge des Collio bis hinunter an die Adria nach Triest und von dort aus dann in Richtung Villach. Eine Reise durch eine Region, die vieles bietet, aber eines ganz sicher nicht: Massentourismus. Und genau deshalb ist Friaul-Julisch Venetien vielleicht eines der letzten großen Geheimnisse Italiens.
Venzone
ca. 70 km | ca. 1 Stunde 20 Minuten Fahrzeit
Kaum haben wir Sappada verlassen, führt uns die SS355 durch die Bergwelt des Friaul. Die Straße windet sich in langen Bögen durch dichte Wälder und kleine Ortschaften, bevor sie bei Ovaro auf die SS52 trifft. Wir und unsere Porsche lieben diesen Abschnitt. Die Kurven folgen harmonisch dem Gelände, die Straßen sind überraschend gut ausgebaut und der Verkehr hält sich selbst in der Hauptsaison angenehm in Grenzen. Je weiter wir uns dem Tagliamento-Tal nähern, desto weiter öffnet sich die Landschaft. Die hohen Gipfel bleiben im Rückspiegel zurück und machen Platz für sanfte Hügel und weite Flusstäler.

Nach rund 70 Kilometern erreichen wir Venzone – einen Ort, dessen Geschichte bewegender kaum sein könnte. 1976 zerstörte ein schweres Erdbeben große Teile Friauls. Auch Venzone lag in Trümmern. Was dann geschah, gilt bis heute als europaweit einzigartig. Stein für Stein wurde die mittelalterliche Stadt anhand historischer Pläne wieder aufgebaut. Heute wirkt Venzone deshalb wie ein perfekt erhaltenes Freilichtmuseum, ist aber gleichzeitig ein lebendiger Ort mit Cafés, Restaurants und kleinen Geschäften. Am schönsten erlebt man Venzone zu Fuß. Hinter den historischen Mauern führen enge Gassen zum Dom Sant‘Andrea, während auf den Plätzen das italienische Leben pulsiert. Bekannt ist der Ort außerdem für seine Mumien, die in der ehemaligen Friedhofskapelle besichtigt werden können. Wenn zwischen den alten Mauern Konzerte und Kulturveranstaltungen stattfinden verschmelzen Geschichte und Gegenwart auf eine Weise, die man so nur selten erlebt. Für uns ist Venzone jedoch weit mehr als nur ein Fotostopp.
Venzone ist der perfekte Auftakt für eine Reise durch Friaul – und ein erster Beweis dafür, dass die schönsten Entdeckungen oft dort warten, wo man sie am wenigsten erwartet.
Gemona
ca. 8 km | ca. 10 Minuten Fahrzeit über die SS13
Kaum haben wir die mittelalterlichen Mauern von Venzone hinter uns gelassen, zeigt das Navigationssystem bereits das nächste Ziel an. Acht Kilometer. Eigentlich kaum der Rede wert. Doch genau diese kurzen Etappen machen Friaul so reizvoll. Hinter nahezu jeder Kurve wartet eine neue Er-fahrung. Über die alte SS13 Pontebbana erreichen wir nach wenigen Minuten Gemona del Friuli. Schon von Weitem fällt der Blick auf das mächtige Castello, das hoch über der Stadt thront. Nach einem kurzen Rundgang und einem Caffè auf der Piazza wird es Zeit, den Porsche wieder zu starten. Die nächste Etappe führt uns tiefer in das Herz Friauls – nach San Daniele del Friuli.
San Daniele Del Friuli
ca. 22 km | ca. 25 Minuten Fahrzeit über die SS463
Hinter Gemona verändert sich die Landschaft spürbar. Die Berge treten langsam in den Hintergrund, die Straßen werden offener und die ersten sanften Hügel kündigen bereits an, dass wir uns einer der bekanntesten Genussregionen Italiens nähern. Über die SS463 rollen wir entspannt in Richtung Süden. Keine spektakulären Passstraßen, sondern genau jene Art von Landstraße, die man in einem Porsche besonders genießt: flüssige Kurven, wenig Verkehr und immer wieder schöne Ausblicke auf die friulanische Landschaft.

Schon von Weitem erkennt man San Daniele del Friuli auf seinem Hügelrücken. Die Lage ist kein Zufall. Genau hier treffen die kühlen Luftströmungen aus den Alpen auf die milderen Winde der Adria. Dieses einzigartige Mikroklima hat den Ort weltberühmt gemacht – und zwar durch eine Spezialität, die weltweit als Inbegriff exklusiver italienischer Genusskultur gilt: dem Prosciutto di San Daniele. Doch San Daniele ist weit mehr als nur Schinken. Die Altstadt überrascht uns mit eleganten Palazzi, kleinen Gassen und einer angenehm entspannten Atmosphäre. Alles wirkt etwas vornehmer als in vielen anderen Orten der Region, ohne dabei seine Bodenständigkeit zu verlieren. Natürlich führt kein Weg an den berühmten Schinkenkellern vorbei. Wer einmal, wie wir, durch die Reiferäume gegangen sind und die unzähligen Prosciutti von den Decken hängen gesehen hat, versteht schnell, warum hier eher von Handwerk als von Produktion gesprochen wird. Meersalz, Geduld und das besondere Klima der Region genügen, um ein Produkt von Weltruf entstehen zu lassen.

Zur Mittagszeit gehört deshalb ein Teller hauchdünn geschnittener Prosciutto fast schon zum Pflichtprogramm. Dazu etwas Montasio-Käse, frisches Brot und ein Glas Friulano – mehr brauchen wir nicht, um die kulinarische Seele Friauls kennenzulernen. Wer etwas tiefer in die Geschichte eintauchen möchte, sollte einen Blick in die Biblioteca Guarneriana werfen. Sie zählt zu den ältesten öffentlichen Bibliotheken Italiens und beherbergt wertvolle Handschriften aus dem Mittelalter. Ein unerwarteter kultureller Schatz hier in der Stadt, die die meisten Menschen nur mit Schinken verbinden. Bevor wir weiterfahren, lohnte sich noch ein Blick über die friulanische Ebene. Von den Aussichtspunkten rund um San Daniele reicht der Blick bis zu den Alpen im Norden. Hinter uns liegen die Berge, vor uns die Provinz Pordenone mit ihrer weltberühmten Stadt der Mosaikkünstler Spilimbergo.
Spilimbergo
ca. 18 km | ca. 20 Minuten Fahrzeit über die SR464
Kaum haben wir den letzten Bissen Prosciutto genossen, geht es weiter. Die Strecke nach Spilimbergo gehört zu jenen Abschnitten, die ihren ganz eigenen Reiz besitzen. Sanfte Hügel, kleine Dörfer und immer wieder weite Blicke über die friulanische Ebene begleiten uns auf den wenigen Kilometern bis zum nächsten Boxenstopp Spilimbergo.

Die Stadt wirkt wohlhabend, elegant und zugleich angenehm unaufgeregt. Historische Palazzi, mit Fresken geschmückte Fassaden und enge Gassen erzählen von jener Zeit, als Spilimbergo zu den bedeutendsten Handelsstädten der Region gehörte. Besonders rund um den Dom Santa Maria Maggiore scheint die Zeit stellenweise stehen geblieben zu sein. Berühmt wurde die Stadt jedoch nicht durch Kaufleute oder Adelsfamilien, sondern durch eine Kunstform, die hier bis heute weltweit gepflegt wird: die Mosaikkunst. Die Scuola Mosaicisti del Friuli genießt unter Künstlern und Architekten internationales Renommee. Seit mehr als hundert Jahren lernen hier junge Menschen aus aller Welt das Handwerk der Mosaizistik.

Beim Rundgang durch die Werkstätten wird uns schnell klar, weshalb die Schule einen solchen Ruf genießt. Aus Tausenden kleiner Stein-, Glas und Keramikstücke entstehen Kunstwerke, die später Kirchen, öffentliche Gebäude, Luxushotels und Privathäuser in aller Welt schmücken. Jeder Stein wird von Hand gesetzt, jede Farbe bewusst gewählt. Eine Arbeit, die Geduld, Präzision und Leiden schaft verlangt. Gerade deshalb fühle ich mich hier ein wenig an die Welt von Porsche erinnert. Auch dort entstehen außergewöhnliche Ergebnisse erst durch die Summe unzähliger Details. Vielleicht ist es genau diese Liebe zur Perfektion, die mich an Spilimbergo so fasziniert. Nach dem Besuch der Mosaikschule lohnt sich ein Spaziergang durch die Altstadt. Kleine Cafés, ruhige Plätze und die entspannte Atmosphäre machen den Ort zu einem idealen Zwischenstopp.
Während viele Besucher Friaul-Julisch Venetienvor allem mit Wein oder Schinken verbinden, zeigt Spilimbergo eine ganz andere Facette der Region: Kultur, Handwerk und Tradition.
Bevor wir die Stadt verlassen, fällt der Blick noch einmal auf die kunstvoll gestalteten Fassaden. Sie erinnern uns daran, dass Friaul nicht nur von seiner Landschaft lebt, sondern auch von Menschen, die über Generationen hinweg außergewöhnliche Fähigkeiten bewahrt haben. Unsere Route führt uns in die Provinzhauptstadt Pordenone.
Pordenone
ca. 30 km | ca. 30 Minuten Fahrzeit über die SR464
Nach den mittelalterlichen Gassen von Spilimbergo verändert sich die Landschaft erneut. Die Straße führt uns durch die weite Ebene der Provinz Pordenone. Die Berge sind zwar noch immer am Horizont sichtbar, treten jedoch zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen prägen Felder, kleine Dörfer und lange Alleen das Bild. Die Strecke lässt sich entspannt fahren und bietet uns genau die passende Ruhe und Gelassenheit, die Eindrücke der vergangenen Stunden Revue passieren zu lassen.

Pordenone selbst überrascht. Wer eine typische Provinzstadt erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. Das historische Zentrum wirkt fast schon venezianisch. Entlang des Corso Vittorio Emanuele II reihen sich elegante Palazzi, Laubengänge und farbenfrohe Fassaden aneinander. Viele Gebäude stammen aus jener Zeit, als die Republik Venedig ihren Einfluss bis weit ins Friaul ausdehnte. Ich parke den Porsche am Rand der Altstadt und lasse mich einfach treiben. Genau das ist die beste Art, Pordenone kennenzulernen. Unter den Arkaden setzen wir uns zu den Einheimischen zum Caffè und blicken zu kleinen Boutiquen und traditionellen Geschäften. Hier herrscht eine angenehme Lebendigkeit, ohne dass es jemals hektisch wirkt. Besonders schön ist die Piazza della Motta, einer der ältesten Plätze der Stadt. Hier spürt man noch heute die Bedeutung Pordenones als Handelszentrum. Gleichzeitig besitzt die Stadt eine moderne Seite. Zahlreiche Kunst- und Kulturveranstaltungen sorgen dafür, dass sie weit mehr ist als nur Verwaltungssitz einer Provinz. Was mir besonders gefällt, ist die Authentizität. Pordenone versucht nicht, Touristen zu beeindrucken. Die Stadt lebt ihren Alltag, und genau dadurch wirkt sie auch auf uns sympathisch.
Vielleicht ist das überhaupt eines der großen Geheimnisse Friauls: Die Region muss sich nicht inszenieren. Sie überzeugt durch ihre Natürlichkeit.
Nach einem kurzen Rundgang und einem weiteren Caffè wird es Zeit, die Route fortzusetzen. Noch einmal verlassen wir die größeren Städte und wenden uns einem Ort zu, den selbst viele Italiener kaum kennen. Dabei gehört er zu den schönsten mittelalterlichen Dörfern der Region.
Valvasone
ca. 18 km | ca. 20 Minuten Fahrzeit
Nur wenige Kilometer südöstlich von Pordenone wartet einer jener Orte, die man ohne Ortskenntnis vermutlich niemals entdecken würde. An dieser Stelle schon mal 911 x Danke an das Tourismusbüro, die uns diese Tour empfohlen hat. Genau deshalb liebe ich solche Reisen. Denn oft sind es nicht die großen Städte, sondern die kleinen Überraschungen am Wegesrand, die am längsten in Erinnerung bleiben. Die Strecke nach Valvasone führt über ruhige Landstraßen durch die fruchtbare Ebene Friauls. Nach den eleganten Fassaden Pordenones wirkt die Landschaft beinahe ländlich und beschaulich. Doch plötzlich taucht vor uns ein mittelalterlicher Ort auf, der wirkt, als wäre er direkt einem Geschichtsbuch entsprungen.

Valvasone zählt zu den schönsten historischen Orten Friauls. Schon beim Betreten des Ortskerns fühlen auch wir uns um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt. Enge Gassen, alte Natursteinhäuser und kleine Plätze ringsherum. Über allem erhebt sich das mächtige Schloss der Grafen von Valvasone, das bis heute das Wahrzeichen des Ortes ist. Besonders beeindruckend ist der Dom des Heiligen Korbinian. Von außen eher schlicht, beherbergt er im Inneren eine echte Besonderheit: eine prachtvolle venezianische Orgel aus dem 16. Jahrhundert, die zu den bedeutendsten historischen Instrumenten Norditaliens zählt. Wir hatten das Glück, eines der regelmäßig stattfindenden Probe-Konzerte zu erleben, verstehen aber jetzt, weshalb Musikliebhaber aus ganz Italien hierherkommen. Doch Valvasone lebt nicht allein von seiner Geschichte. Gerade die Ruhe macht den besonderen Reiz aus. Während bekannte Städte oft von Besuchern überlaufen sind, scheint hier alles etwas langsamer zu verlaufen. Auf der Piazza sitzen Einheimische im Schatten der Arkaden, während die Zeit fast nebensächlich wird. Für mich ist Valvasone deshalb der perfekte Gegenpol zu den größeren Städten der Region. Kein großes Spektakel, keine Sehenswürdigkeiten im Minutentakt. Stattdessen ein Ort, der seine Schönheit ganz selbstverständlich präsentiert. Nach einem kleinen Spaziergang durch die historischen Gassen und einem letzten Blick auf das Schloss wartet bereits die nächste Etappe. Nun verlassen wir endgültig die Ebene von Pordenone und bewegen uns langsam wieder Richtung Osten – in das Herz Friauls.
Udine
ca. 35 km | ca. 35–40 Minuten Fahrzeit
Nach den stillen Gassen von Valvasone führt uns die Route wieder ostwärts. Die Straße schlängelt sich durch die weite friulanische Ebene, vorbei an kleinen Gehöften, Weinbergen und Feldern. Für uns eine entspannte Etappe, die genügend Zeit lässt, die Eindrücke der vergangenen Stunden wirken zu lassen.
Wer Friaul ausschließlich mit Bergen verbindet, entdeckt hier eine völlig an dere Seite der Region: offen, weitläufig und geprägt von Landwirtschaft und Weinbau.
Je näher wir Udine kommen, desto urbaner wird das Umfeld. Gleichzeitig bleibt die Stadt angenehm überschaubar.

Schon beim ersten Rundgang fällt mir der venezianische Einfluss auf. Über Jahrhunderte gehörte Udine zur Republik Venedig, und genau diese Verbindung prägt das Stadtbild bis heute. Herzstück der Altstadt ist die elegante Piazza della Libertà, die von vielen als der schönste venezianische Platz auf dem Festland bezeichnet wird.

Loggia, Uhrturm und Arkaden verleihen dem Platz (s)eine beinahe südliche Leichtigkeit. Von dort führt der Weg hinauf zum Schloss von Udine. Der Anstieg ist kurz, doch der Ausblick lohnt sich. Bei klarer Sicht blicken wir über die gesamte friulanische Ebene bis zu den Alpen im Norden. Udine lebt jedoch nicht allein von seiner Geschichte. Die Stadt besitzt eine ganz besondere Genusskultur. In den zahlreichen Bars und Osterien trifft man sich nicht auf einen schnellen Drink, sondern zum sogenannten Aperitivo friulano. Ein Glas Wein aus den nahen Weinbergen, dazu kleine regionale Spezialitäten – und plötzlich vergeht eine Stunde wie im Flug. Überhaupt spielt Wein in Udine eine wichtige Rolle. Die großen Weinregionen Friauls liegen praktisch vor den Toren der Stadt.

Viele der besten Weißweine Italiens stammen von hier. Friulano, Ribolla Gialla oder Sauvignon Blanc sind nicht nur Begleiter zum Essen, sondern Teil der regionalen Identität. Wir schlendert durch die Altstadt und entdecken immer wieder kleine Plätze, elegante Palazzi und gemütliche Cafés. Meine Erkenntnis: Udine ist keine Stadt, die sich laut in den Vordergrund drängt. Ihr Reiz liegt vielmehr in ihrer Gelassenheit. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb sie bei vielen Friaul-Kennern als heimliche Hauptstadt der Region gilt. Ich zähle ich jetzt auch dazu. Nach einem wirklich entspannten Nachmittag wird es Zeit für die nächste Etappe. Nun verlassen wir die Ebene und fahren wieder Richtung Osten. Dort wartet eine der geschichtsträchtigsten Städte Norditaliens: Cividale del Friuli, einst Hauptstadt der Langobarden und heute UNESCO-Welterbe.
Cividale Del Friuli


Collio
ca. 25 km | ca. 30 Minuten Fahrzeit
Hinter Cividale beginnt eine völlig neue Welt. Die mittelalterlichen Gassen und historischen Bauwerke bleiben langsam zurück, während sich vor uns eine Landschaft öffnet, die viele Weinliebhaber zu den schönsten Europas zählen. Die Hügel werden sanfter, die Straßen schmaler und kurvenreicher. Genau jene Straßen also, für die unsere Porsche gebaut wurden. Je weiter wir Richtung Süden fahren, desto häufiger säumen Weinberge die Strecke. Die Reben ziehen sich wie grüne Teppiche über die Hügel, dazwischen liegen kleine Dörfer, Landgüter und Weinkeller. Man könnte meinen, irgendwo zwischen der Toskana und dem Piemont unterwegs zu sein. Tatsächlich befinden wir uns jedoch im Herzen des Collio, einer der renommiertesten Weißwein-Regionen Italiens.

Was diese Gegend so besonders macht, ist ihre Lage. Nur wenige Kilometer trennen die Weinberge von Slowenien. Seit Jahrhunderten beeinflussen sich beide Kulturen gegenseitig. Die Grenze verläuft zwar auf der Landkarte, im Alltag spielt sie jedoch kaum noch eine Rolle. Gerade diese Mischung verleiht dem Collio seinen einzigartigen Charakter. Natürlich dreht sich hier vieles um Wein. Namen wie Friulano, Ribolla Gialla, Sauvignon Blanc oder Pinot Grigio genießen unter Kennern einen hervorragenden Ruf. Die mineralreichen Böden und die klimatischen Einflüsse von Alpen und Adria schaffen ideale Bedingungen für elegante und charaktervolle Weine. Doch selbst wer kein ausgesprochener Weinliebhaber ist, wird die Region schnell schätzen lernen. Das eigentliche Erlebnis beginnt auf den kleinen Straßen zwischen den Weinbergen. Hinter nahezu jeder Kurve eröffnet sich ein neues Panorama. Mal reicht der Blick bis zu den Julischen Alpen, mal bis weit in die friulanische Ebene. Immer wieder laden kleine Weingüter dazu ein, spontan anzuhalten und die Gastfreundschaft der Region kennenzulernen.
Genau das macht den Reiz des Collio aus. Hier geht es nicht um spektakuläre Sehenswürdigkeiten oder große Attraktionen. Es ist vielmehr die Kombination aus Landschaft, Genuss und Gelassenheit, die uns in ihren Bann zieht.
Während die Sonne langsam tiefer steht und die Weinberge in warmes Licht taucht, wird mir bewusst, weshalb viele Kenner das Collio als die schönste Weinlandschaft Norditaliens bezeichnen.
Gorizia
ca. 15 km | ca. 20 Minuten Fahrzeit
Die Weinberge des Collio begleiten uns noch eine Weile, bevor sich die Hügel langsam öffnen und den Blick auf eine Stadt freigeben, die wie kaum eine andere für die bewegte Geschichte dieser Region steht. Auf den ersten Blick wirkt Gorizia fast überraschend elegant. Breite Plätze, herrschaftliche Gebäude und gepflegte Parkanlagen erinnern eher an Wien oder Graz als an eine italienische Provinzstadt.

Tatsächlich gehörte Gorizia über Jahrhunderte zur Habsburger Monarchie und wurde einst als das „österreichische Nizza“ bezeichnet. Viele Adelsfamilien verbrachten hier die Sommermonate, angelockt vom milden Klima und der besonderen Lage zwischen Alpen und Adria. Der schönste Weg führt hinauf zum Castello di Gorizia. Hoch über der Stadt thront die mittelalterliche Burg und bietet uns einen herrlichen Ausblick über die Dächer der Altstadt bis weit nach Slowenien. Spätestens hier wird es deutlich, dass Gorizia immer eine Stadt an der Schnittstelle verschiedener Kulturen war. Italienische Lebensfreude, österreichische Eleganz und slowenische Einflüsse verschmelzen hier auf bemerkenswerte Weise. Diese besondere Rolle als Bindeglied zwischen Ost und West, also Grenzlinie Italien-Slowenien, machte Gorizia gemeinsam mit dem slowenischen Nova Gorica zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025, deren Legacy auch in den Folgejahren mit Kunstinitiativen fortgesetzt wird und als Symbold dafür steht. Ein Symbol dafür, wie aus einer einst trennenden Grenze eine verbindende Region geworden ist. In der Altstadt entdecken wir man elegante Fassaden, gemütliche Cafés und zahlreiche kleine Plätze, die zum Verweilen einladen. Alles wirkt entspannter als in vielen anderen italienischen Städten.

Für uns ist die Stadt jedoch auch der letzte größere Halt vor dem großen Finale dieser Reise. Denn nur wenige Kilometer weiter wartet bereits die Adria. Über Duino und das märchenhafte Schloss Miramare führt die Route nun hinunter ans Meer. Dort erwartet uns mit Triest nicht nur eine der faszinierendsten Städte Italiens, sondern auch der perfekte Schlusspunkt unserer Friaul-Tour.
Triest
ca. 45 km | ca. 60 Minuten Fahrzeit
Jede gute Reise braucht einen Höhepunkt. Und manchmal hebt man sich das Beste tatsächlich bis zum Schluss auf. Hinter Gorizia verändert sich für uns die Landschaft ein letztes Mal. Die sanften Weinberge bleiben zurück, die Vegetation wird karger und die ersten Kalkfelsen des Karstplateaus tauchen auf. Die Straße schlängelt sich durch eine raue Landschaft, die von Wind und Stein aber auch von charakterstarken Weinen und herzhafter Küche geprägt ist. Dann geschieht jener Moment, den jeder Reisende liebt: Plötzlich, nach einer langen Rechtskurve öffnet sich der Blick und tief unter uns glitzert die Adria. Wenig später erreichen wir Duino.

Hoch auf einem Felsvorsprung thront das berühmte Schloss Duino über dem Meer. Von den Terrassen reicht der Blick weit über den Golf von Triest bis hin zur istrischen Küste. Schon allein für dieses Panorama hat sich der Zwischenstopp für uns gelohnt. Leider keine Zeit hatten wir den berühmten Rilke-Weg zu erkunden, der entlang der Steilküste spektakuläre Ausblicke auf das Meer bietet. Nur wenige Kilometer weiter wartet bereits das nächste Highlight.

Wie aus einem Märchen erhebt sich das strahlend weiße Schloss Miramare direkt am Wasser. Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich ließ die Residenz Mitte des 19. Jahrhunderts errichten. Umgeben von einem weitläufigen Park, exotischen Pflanzen und uralten Bäumen zählt Miramare heute zu den schönsten Schlossanlagen Italiens. Von hier aus sind es nur noch wenige Fahrminuten bis nach Triest. Schon die Anfahrt gehört zu den eindrucksvollsten Stadteinfahrten Europas. Rechts die Adria, links die Hänge des Karsts und vor uns eine Stadt, die seit Jahrhunderten als Tor Mitteleuropas zur Welt gilt.

Triest ist anders. Österreichisch, italienisch, slowenisch und mediterran zugleich. Auf der gewaltigen Piazza Unità d’Italia, einem der größten zum Meer geöffneten Plätze Europas, endet schließlich unsere Reise durch Friaul-Julisch Venetien. Vor uns das Meer, hinter uns prächtige Fassaden aus der Habsburger Zeit. Auch hier schlendern wir durch die Gassen, stehen staunend vor dem historischen Palazzi und erahnen jene weltoffene Atmosphäre, die Triest seit Jahrhunderten prägt. Hier trafen sich Kaufleute, Schriftsteller, Seefahrer und Reisende aus ganz Europa. Vielleicht erklärt genau das den besonderen Charakter dieser Stadt.
Während ich auf der Piazza sitze und einen Caffè genieße, lasse ich die vergangenen Tage Revue passieren. Von den Karnischen Alpen rund um Sappada über die mittelalterlichen Städte Venzone und Gemona, die Schinkenkeller von San Daniele, die Mosaikkünstler von Spilimbergo, die Weinberge des Collio bis hinunter an die Adria.
Friaul Julisch Venetien hat mich überrascht. Nicht durch spektakuläre Superlative, sondern durch seine Vielfalt. Durch Menschen, die ihre Traditionen leben. Durch Landschaften, die sich ständig verändern. Und durch Straßen, die wie geschaffen scheinen für eine Reise im Porsche.
Wer Italien wirklich entdecken möchte, sollte die großen Autobahnen verlassen. Denn die schönsten Geschichten beginnen meist dort, wo die bekannten Reiserouten enden.


