Menorca: Grandezza zwischen unberührter Natur und echter Pferdestärke
Es gibt keine einzige Küstenstraße auf der Insel. Betrachtet man Menorca aus der Vogelperspektive, verteilen sich die Wege im Fischgrätenmuster links und rechts von der zentralen Verkehrsader – ein Relikt aus Zeiten der britischen Besetzung im 18 Jahrhundert. Um potenziellen Invasoren keine direkten Eroberungswege zu bieten, bauten die Menorquiner ihre Städte und Versorgungswege bewusst im Landesinneren. Allein der berühmte Camí de Cavalls — der Pferdeweg, führt direkt entlang an schroffen Küsten und unberührten Buchten einmal komplett um die Insel und wurde bis heute nie in eine asphaltierte Straße umgebaut. Hoch zu Ross erkundet man die beeindruckende Natur der Insel am authentischsten, doch auch mit ein paar PS mehr unter dem Sattel gibt es auf Menorca einiges zu er-fahren.
Text: Julia Heinz / Fotos: Vestige Collection
Die ME-1 von Ost nach West und verbindet die beiden großen Städte Mahón und Ciutadella auf Menorca. Obwohl sie die meistbefahrene Straße der Insel ist, besitzt sie einen ganz eigenen, landschaftlichen Charme und unterscheidet sich grundlegend von den Straßen, die man vom europäischen Festland kennt. Eine Fahrspur pro Richtung und ein konsequentes Tempolimit von 90km/h. Man muss sich auf den Müßiggang einlassen, den die Bewohner hier mit fast stoischer Beständigkeit an den Tag legen. Und überhaupt ist hier der Weg das Ziel. Die Straße schneidet mitten durch das wellige, grüne Inselinnere. Links und rechts begrenzen die traditionellen und jahrhundertalten Trockenmauern die Felder. Würde man all diese Pared Secas aneinanderreihen, könnte man damit mehr als ein Drittel des Erdballs umrunden – und das auf einer Insel, die gerade einmal 50 Kilometer lang ist.
Die zwei schönsten Schwestern der Insel
Man fährt vorbei an weitläufigen Feldern, Pinienhainen und den typischen weißen Bauernhöfen, den sogenannten Llocs. Besonders im Hochsommer, wenn die Felder in goldenem Licht strahlen, eröffnet sich eine ganz besondere, mediterrane Kulisse, die auch gänzlich ohne Meerblick sofort in den Bann zieht.
Auf halber Strecke – also in der Inselmittel, nahe Es Mercadal – hat man einen hervorragenden Blick auf den Monte Toro, den mit 358 Metern höchsten Berg Menorcas. Von der ME-1 zweigt auch die serpentinenreiche Straße zu dessen Gipfel ab, von dem aus man die gesamte Insel überblicken kann. Für einen schönen Zwischenstopp eigenen sich die historischen Dörfer wie Alaior oder Ferreries mit ihren weißen Häusern und engen Gassen.
Wer von Ferreries weiter Richtung Norden fährt und auf den Camí de Tramuntana abbiegt, gelangt zu den wohl schönsten Schwestern der Insel. Gemeint sind zwei historische Fincas aus dem 18. Jahrhundert, die nach behutsamer und äußerst stilvoller Restaurierung durch die Vestige Collection, einer spanischen Boutique-Hotelgruppe im Familienbesitz, als zusammenhängendes „Twin-Hotel“- Konzept wieder belebt wurden.
360° wilde Schönheit: Exquisit, erdig und elegant.
Auf einem über 800 Hektar großen Naturschutzgebiet zwischen unberührten Wäldern und privatem Küstenzugang zu drei Buchten, thront Son Ermità auf einer Anhöhe. Von hieraus blickt man kilometerweit über die hügelige Landschaft bis hin zum Meer. Mittags glitzert der Pool in der Sonne während der Tramuntana für Abkühlung sorgt. Abends erlebt man hier den wohl schönsten Sonnenuntergang der Insel. Gerade einmal 11 Suiten beherbergt das imposante Gebäude aus weißem Marés Stein, das sich aus einem Haupthaus und einem ehemaligen Landwirtschaftsgebäude zusammensetzt. Das Interior ist exquisit, erdig und elegant. Und spiegelt genau jene Neuinterpretation der Balearischen Tradition wider, die ganz ohne Designklischees auskommt. Dafür mit viel lokaler Kunst und dem Mut, einen Raum einfach wirken zulassen. In völliger Abgeschiedenheit entfaltet sich hier ein Ort der stillen Begegnung mit der Natur – und mit sich selbst.
„Form Farm to Fork“ – Menorca-typische Kulinarik mit lokalen Zutaten
Kulinarisch verführt das Restaurant Brisa mit Gerichten, deren zentrale Rolle lokale Zutaten spielen. Die Speisekarte ist von der Menorca-Geschichte inspiriert; insbesondere von der französischen Besatzungszeit im 18. Jahrhundert. Die war zwar nur von kurzer Dauer, hatte aber einen bleibenden und raffinierten Einfluss auf Menorcas Küche.
Ein Kontrastprogramm dazu – zumindest, was die architektonische Position betrifft, ist das Schwesternhotel Binidufà. Im geschützten Tal, unterhalb von Son Ermità, umgeben von Terrassen und Gärten offenbart sich ein rustikaler Charme. Die rote Erde, die für den Norden Mencoras typisch ist, spiegelt sich in den Mauern der einzelnen Häuser wider, die hier als Hotelzimmer dienen und über das gesamte Anwesen verteilt sind. 11 an der Zahl. Alle mit eigenem, üppig begrüntem Garten. Morgens weckt das Zwitschern der Vögel, ansonsten ist es hier still, um den eigenen Gedanken Raum zu lassen.

Ein paar Schritte auf dem rotem Sand, am Pool vorbei und man sitzt hoch empor vor dem Hauptgebäude. Bei einem Aperitif mit einem Blick über die gestuften Terrassen lässt im Restaurant Mesura man das kulinarische Konzept von Küchenchef Joan Bagur auf sich wirken. Mediterrane Köstlichkeiten, die einem rein vegetarischen Prinzip folgen – mit einzelnen omnivoren Komponenten, die als Extra bestellt werden können.
Son Ermità und Binidufà – Menorcas Ying und Yang im Einklang mit der Natur
Wem eher nach Gegrilltem zum Mute ist, kein Problem: Denn das Besondere an diesen beiden Häuser ist, dass sie nach dem Ying und Yang Prinzip aufgebaut sind. Man bucht eines der Hotel, kann aber die Pools, Restaurants und Annehmlichkeiten beider Häuser nutzen. Ein kostenloser Shuttle mit dem Allrad-Buggy verbindet die beiden Häuser zwischen denen dichte Pinienwälder, Viehweiden und unberührte Natur liegen. Mit diesen Buggys gelangt man auch zu den drei privaten Buchten.
Es sind genau diese Orte, die die traditionelle Struktur Menorcas perfekt veranschaulichen: Die historischen Landgüter (Llocs) wurden über Jahrhunderte hinweg als autarke Zentren im Landesinneren betrieben – heute erleben diese Orte u.a. durch die Vestige Collection eine Renaissance und ermöglichen Reisenden Menorca als exklusiven Rückzugsort auf seine ganz ursprüngliche Weise zu erkunden.
Ciutadella – die kreative Hafenstadt
Fährt man weiter nach Westen erreicht man Ciutadella, jenes aristokratische Küstenstädtchen, das seit jeher als kreative Seele von Menorca gilt. Als die Briten 1722 die Hauptstadt ins wirtschaftlich attraktivere Mahón verlegten, zog sich der spanische Adel tief gekränkt in seine Paläste in Ciutadella zurück. Wodurch viele Gebäude im Barock und der Renaissance konserviert wurden – was sich heute als Glücksfall erweist.

So auch das Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, nur wenige Schritte von der Küste entfernt und eingebettet eine nahezu unberührte Naturlandschaft und weitläufigen Olivenhainen. Das Anwesen Son Vell umfasst 200 Hektar – das entspricht 280 Fußballfeldern. Die schier unendliche Weite zieht einen sofort in den Bann, wenn man die Auffahrt zum Hotel entlang fährt. Öffnet man das Fenster, mischt sich der Duft der Rosengärten mit frischem Thymian.
Verstige Son Vell – ein palladianischer Traum aus honigfarbenem Sandstein
Im Haupthaus herrscht eine elegante, palladianische und fast mondäne Atmosphäre mit einem Hauch französischer Ästhetik. Das Design? Bewusst ruhig und organisch gehalten.

Natürliche Stoffe wie Leinen und Jute, maßgefertigte Möbel von menorquinischen Handwerkern, ausgewählte Antiquitäten und moderne Kunst von Studio Debris, Francisco Farreras und Ana Paul verleihen jedem Raum einen dezenten, zeitlosen Charakter – nie laut, immer ausgewogen und von einer sanften Eleganz getragen.

Draußen beeindrucken zwei Pools und opulente Gärten – gepflanzt wurden ausschließlich heimische Arten, die ohne große Eingriffe gedeihen und zu jeder Jahreszeit Farben und Struktur bringen – und, die in Form von Kräutern auf den Tellern landen.

Nebem dem Haupthaus gibt es neu errichtete Gartenhäuser, die allesamt als Suiten konzipiert sind und sich so charmant über das Anwesen verteilen, dass man sich fühlt als weilte man in einem privaten Landhaus. Die stilvollen Badezimmer sind aus hellem Naturstein, Dusche und Badewanne verschmelzen zu einer Einheit – das muss man mögen, zumindest aber haben sie eine gläserne Decke: Sternegucken inklusive.
Restaurant Vermell – vom Garten auf den Teller und in den Guía Repsol
Morgens frühstückt man auf der Terrasse im Sa Clarisa. Mittags gibt es hier knackige Gartensalate, fangfrischen Fisch, Pasta oder lokal gegrilltes Fleisch. Während das Licht schräg zwischen den alten Zypressen hindurch scheint, ist am Pool der beste Platz für eine Siesta. Wer möchte, reitet ein Stück auf dem Camí de Cavalls entlang (zum Anwesen gehört auch ein Reitgestüt) oder erkundet zu Fuß den Küstenweg.

Abends wird im Vermell so richtig aufgetischt. Bereits ein Jahr nach der Eröffnung im Jahr 2023 erhielt das Restaurant zahlreiche Auszeichnungen in Spanien und Großbritannien, u.a. die Aufnahme in den Guía Repsol, das spanische Äquivalent zum internationalen Guide Michelin. Hier stand vor allem die „Farm-to-Table“-Philosophie des Restaurants rund um Küchenchef Joan Bagur im Fokus. Ein Großteil der Zutaten wird auf den eigenen Gemüsefeldern und Olivenhainen geerntet oder von lokalen Fischern und Metzgern bezogen. Auch in Sachen Wein wird Regionalität großgeschrieben, was sich als perfekte Ergänzung zum Menü erweist.

Man könnte hier noch endlos sitzen, dem sanften Zirpen der Grillen lauschend ein weiteres Glas Wein trinken. Zwischen Olivenhainen und Rosengärten von der unberührten Natur und den schroffen Küsten im Norden träumen, dem roten Sand und den kleinen Llocs am Straßenrand. Vielleicht darüber nachdenken, in einem dieser alten Bauernhöfe ein Stück Käse aus Menorca zu kaufen. Oder in einer der Buchten im Süden in türkisfarbenem Wasser tauchen und sich fragen, ob das noch die Balearen sind oder die Karibik? Man könnte sich auch einfach in das federweiche Bett legen gleich morgen all das selbst er-fahren.


