Marrakesch: rot, berauschend und unvergesslich
Kurz bevor die Sonne hinter den Atlaskämmen versinkt, glühen die Stadtmauern von Marrakesch in einem Rot, das sprachlos macht. Diese Stadt nimmt einen in Besitz und lässt niemanden wieder los.
Text und Bilder: Redaktion/Fairmont Hotels
Der erste Morgen in der Medina beginnt mit dem Geruch. Kreuzkümmel, Ledergerbstoffe, frische Orangen, alles auf einmal, intensiv, betörend. Voll beladene Eselskarren schieben sich zwischen Mopeds durch die schmalen Gassen. Katzen dösen auf Mauern in der frühen Sonne, Händler rufen, ein Schmied hämmert Kupfer zu Lampenschirmen und irgendwo biegt ein Kind auf einem klapprigen Fahrrad um die Ecke, als hätte es die ganze Stadt für sich. Jetzt einfach treiben lassen. Das Feilschen in den endlosen Souks folgt einer uralten Choreografie: Ein Drittel des Erstpreises, gespielte Empörung auf beiden Seiten, am Ende Minztee, Handschlag, man einigt sich auf die Hälfte und kauft Dinge, die man gar nicht gesucht hat. Man kauft sie trotzdem, weil man in diesem Moment gar nicht anders kann.

Am Djemaa el Fna läuft Marrakesch zur Hochform auf. Der Gauklerplatz ist Weltbühne, Jahrmarkt und Freiluftoper in einem, und er funktioniert zu jeder Stunde anders. Morgens gehört er den Saft-Verkäufern, nachmittags den Geschichtenerzählern mit wettergegerbten Gesichtern, die auf Arabisch von unsterblicher Liebe berichten, abends dann lassen Gnawa-Musiker in leuchtend bunten Gewändern das Gembri aus Kamelhaut vibrieren, einen Sound, tief und rhythmisch.

Schlangenbeschwörer wiegen ihre Kobras zu Flötenklängen, aus Dutzenden Garküchen steigen Dampfwolken von gegrilltem Lamm und Koriander auf, und über allem liegt dieser Schimmer aus Licht, Lärm und Lebendigkeit, den man nirgendwo sonst auf der Welt findet. Man setzt sich auf eine der Dachterrassen ringsum, im Nomad, im Le Salama oder auf der Terrasse des Épices, bestellt einen kühlen Rosé oder den unvermeidlichen Minztee, lehnt sich zurück und schaut einfach zu. Der Muezzin ruft. Darunter, kaum hörbar, laufen chillige Elektro-Beats.
Tagsüber verführt der Jardin Majorelle mit seinem unwirklichen Blau, jenem satten Kobaltton, den der Maler Jacques Majorelle 1931 als Kontrast zur explodierenden Vegetation wählte und der heute als Sinnbild dieser Stadt gilt. Yves Saint Laurent fand zwischen Bougainvillea, Bambus und statuenhaften Kakteen seine Farbwelt, und wer durch den Garten schlendert, versteht sofort, warum er nie aufgehört hat, Marrakesch zu lieben.

Irgendwann aber, nach Souks und Gewürzpyramiden, Farben und Klängen, nach diesem überwältigenden Zu-viel, braucht man einen Gegenpol. Nur zwanzig Minuten von der Medina entfernt öffnet sich das Fairmont Royal Palm wie ein langer, ruhiger Atemzug. Olivenhaine und Palmen säumen die Auffahrt des exklusiven Hideaways, die Pool-Landschaft mit über 2000 Quadratmetern spiegelt den Abendhimmel, und der 18-Loch-Golfplatz mit Blick auf die Atlaskämme liegt so selbstverständlich in der Landschaft, als wäre er immer schon da gewesen.

Die Suiten und Villen rahmen den 4.167 Meter hohen Toubkal durch bodentiefe Fenster, schneebedeckte Berge liefern das perfekte Panorama. Die Küche der vier Restaurants destilliert, was die Souks versprechen: Tahine, CousCous, edelste Weine aus aller Welt. Und wer nach einem langen Stadtbummel nur noch allein sein möchte, speist in der eigenen Villa. Doch dann, Tags darauf, zieht die Medina wieder wie ein Sog. Schriftsteller Elias Canetti wusste das bereits in den Fünfzigern, als er schrieb, Marrakesch lasse einen nie mehr los. Er hatte recht.
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